9 November 1988
GOTTFRIED HELNWEIN, Ninth November Night, Catalogue
Reinhold Mißelbeck, Curator for Photography and new media, Museum Ludwig cologne

NEUNTER NOVEMBER NACHT

Die Menschen haben zahlreiche Varianten und Spielarten dieser Haltung entwickelt. Die harmloseste ist die der hochnäsigen Arroganz, bei der das Gegenüber als beklagenswerter Wurm, als Quantite negligeable behandelt wird; eine gefährliche ist die des Egozentrismus, bei der die Mitmenschen gemeinhin übersehen, bestenfalls als lästig angesehen werden; eine fatale ist die der Ignoranz, die es ermöglicht, das Elend ganzer Völker einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen, sei es aus Bequemlichkeit, sei es aus Nochlässigkeit. Schließlich gab es auch stets die Möglichkeit, Haltungen dieserart zu institutionalisieren und per Gesetz zu legitimieren, was zur Einrichtung gesellschaftlicher Hierarchien im nationalen oder internationalen Gefüge der Völker führte.

In solchen Fällen ist eine derartige Sanktionierung meist wissenschaftlich verankert und begründet.

Die Nationalsozialisten hatten in besonders perfider Weise all diese Elemente miteinander verknüpft und in einer Mischung aus Arroganz, Rassentheorie, Diktatur und militärischer Gewalt ein System entwickelt, das ihnen erlaubte, lebensunwertes Leben zu definieren und schließlich millionenfach ganze Völker zu diskriminieren und letztendlich zu vernichten.

Die Wissenschaft hatte seit der Jahrhundertwende mit Hilfe einer Fülle von pseudowissenschaftlicher Literatur Rassenmerkmale beschrieben und bewertet. Die Reichskristallnacht war das Fanal, mit dem am 9. November 1938 das, was Wissenschaftler erarbeitet und Politiker gesetzlich legitimiert hatten, in den Judenpogromen praktische Umsetzung fand. Der Erinnerung an dieses Ereignis, den sechsmillionenfachen Mord an Juden, Roma, Sinti und anderen, diente die 100 Meter lange Bilderwand zwischen dem Museum Ludwig und dem Kölner Dom längs des Bahnsteigs 1 des Hauptbahnhofes, die Gottfried Helnwein zur Zeit der photokina 1988 entwarf und einrichtete.

Auf 17 Bildern im Format von je 4 x 2 Meter, die im Scannochrome-Verfahren gefertigt wurden, sind Kindergesichter zu sehen, im Kleinformat daneben in Schwarzweiß ein Tableau, auf dem anhand von Sitzhaltungen und Fußabdrücken - offensichtlich im Rahmen einer wissenschaftlichen Abhandlung - die arische Rasse von minderwertigen unterschieden wird.

Was wir sehen sind Durchschnittsgesichter, wie sie uns zu hunderten auf den Straßen begegnen können: Kinder im Alter von sechs/sieben Jahren, deren Gesichter mit Schminke leicht weiß getönt wurden. Doch ihr Gesichtsausdruck ist auf eine schwer zu beschreibende Art passiv; manchmal sind die Augen halb geschlossen, manchmal der Kopf in leichter Untersicht oder seitlicher Neigung photographiert. Die Portraits irritieren, da die Kinder auf eine Weise porträtiert wurden, wie Kinder im allgemeinen nicht photographiert werden. Da ist keine Fröhlichkeit, keine kindliche Unschuld, kein Glanz in den Augen, Kinderbilder stellen wir uns anders vor.

Und doch sind es lediglich subtile Veränderungen im Gesichtsausdruck und in der Haltung, die bewirken, daß uns an diesen Köpfen etwas stört, Denn sobald man sich vom emotionalen Eindruck löst und um nüchterne Betrachtungen bemüht ist, wird offensichtlich, daß es sich um ganz normale, durchaus durchschnittliche Kindergesichter handelt.

Genau auf diesen Effekt hat Gottfried Helnwein mit seiner Arbeit abgezielt, Er wollte schockieren und doch gleichzeitig wieder deutlich machen, daß im Grunde genommen überhaupt kein Anlaß für einen solchen Schock besteht; daß das, was wir sehen, ganz normal ist.

Damit erzielte er eine Wirkung, die dem Effekt nationalsozialistischer Propaganda im Prinzip durchaus vergleichbar ist. Auch die Juden waren ja bei nüchterner Überlegung, und wenn man beiseite schob, welches Bild die nationalsozialistische Kampagne von ihnen zeichnete, Menschen wie du und ich, Nachbarn, die man jahrelang kannte, der Arzt, der die Kinder behandelt hatte oder der Kaufmann von gegenüber.

Die Menschen hatten sich nicht verändert. Nur das Bild von ihnen in der Öffentlichkeit, Das Studium dieses Kapitels in unserer Geschichte führt uns deutlich vor Augen, daß es genügt, lediglich das Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit zu verändern, um zu erreichen, daß ein ganzes tradiertes Wertesystem umgewertet wird.

Dem ähnlich bewirken Gottfried Helnweins Porträts, daß der Anblick ganz normaler Kinder einen Schock auslöst, daß uns die Gesichter krank und fremdartig erscheinen.

Gottfried Helnwein, in der Kunstwelt bekannt als Maler und politisch engagierter Performer, einer breiteren Öffentlichkeit vertraut durch provozierende Titelblätter in Magazinen, begleitete seine künstlerische Arbeit von Anbeginn an mit Photographie. Was zunächst als Dokumentation seiner Aktionen begonnen hatte, verselbständigte sich mit den Jahren mehr und mehr, da ihm bewußt wurde, wie sehr die Photographie Wirkungsmöglichkeiten besitzt, die Malerei und Zeichnung verschlossen bleiben.

Während dem Gemälde - selbst denen, die zum Hyperrealismus neigen - immanent ist, daß es der Vorstellungskraft und der Phantasie des Künstlers entsprungen ist, trägt jede Photoarbeit, so sehr sie manipuliert sein mag, einen Rest des Authentischen kraft ihrer täglichen millionenfachen Anwendung als Dokument im privaten und öffentlichen Bereich in sich.

Mußte sich Gottfried Helnwein in seiner Malerei einer photographischen Exaktheit bedienen, um seine Fiktionen und Phantasien so real wie möglich und damit glaubhaft zu gestalten, genügen im Rahmen der photogrophischen Arbeit mitunter unscheinbare Veränderungen und einfache Überlagerungen, um zwei Wirklichkeiten miteinander zu verschmelzen, räumlich oder zeitlich Getrenntes zusammenzufügen und durch Montagen Assoziationsketten herzustellen, ohne daß die Kraft des Authentischen, die dem photographischen Bild qua medium zu eigen ist, darunter Schaden leiden würde.

Ein Photofestival wie die Internationale Photoszene Köln tut gut daran, sich nicht nur in abgeschlossenen Ausstellungsräumen zu präsentieren, sondern auch im städtischen Umfeld sichtbar zu sein, So war es ein Glücksfall, daß Gottfried Helnwein ebenfalls danach strebte, aus dem Museums- und Galeriebetrieb auszubrechen, um eine größere Öffentlichkeit anzusprechen.

An einem Ort wie dem zwischen Dom und Museum Ludwig und einer Zeit wie der photokina mit ihren Hunderttausenden von Besuchern war diese Möglichkeit in hohem Maße gegeben. Die 100 Meter lange Bilderwand verfehlte ihre Wirkung nicht:
Sie löste Betroffenheit, aber auch Aggressivität aus. Nach wenigen Tagen schon waren zahlreiche Bilder aufgeschnitten, eines sogar entwendet.

Gottfried Helnwein verstand die Ausstellung seiner Arbeiten und die Reaktion des Publikums als einen Prozeß, der sich in späteren Präsentationen niederschlagen und fortsetzen sollte. Die Bilder wurden nicht erneuert, sondern geflickt, so daß dieses Mahnmal der Judenverfolgung auf seiner nächsten Vorstellung in Lausanne bereits die Spuren mangelnder Einsicht und des Unverstandes in der heutigen Zeit trägt.

Der Anblick der Bilderwand erweckt heute das Empfinden, als sei mit diesen Stichen und Einschnitten weit mehr als nur das Bild verletzt, Es wird interessant sein, zu beobachten, ob und inwiefern sich die Reaktionen der Öffentlichkeit in der Schweiz und in Amerika von denen in Köln unterscheiden.

Der Aufstellungsort mag jedoch sicherlich dabei auch eine Rolle spielen. Ein rein museales Amblente fördert sicherlich die Bereitschaft zur Toleranz, während in Köln die unmittelbare Nähe des Ostchores des Kölner Domes die Sensibilität in hohem Maße steigerte.