1992
Charity
Katja Behrens

FÜR KINDER

Seit den frühen 70er Jahren schon spielt das KIND eine Hauptrolle in Helnweins Kunst; das geschundene, verletzte, bedrängte Kind in unserer Gesellschaft. Es sind die Narben und Verbände, die medizinischen Instrumente, die Schläuche und die Annäherungen der Erwachsenen, die die Kinder seiner Bilder deformieren. Sie fügen ihnen sichtbaren Schaden zu; von den "inneren Verletzungen" ganz zu schweigen.

Burgbrohl im Februar. Ausgestopfte Vögel, Steine, Flaschen, Tiegel, Töpfchen und Kolben aus der Apotheke, das Plastikmodell eines menschlichen Körpers für anatomische Studien, Bücher und Kataloge sorgsam gestapelt, aufgereiht, angehäuft in den Regalen und den Fenstersimsen; Exponate eines naturkundlichen Museums, auf dem Fußboden verstreut Bilder, Plakate, Fotos, Kopien. Gottfried Helnwein sitzt in seinem Atelier und erzählt von dem Anliegen seiner Kunst, erzählt von dem, was seine Bilder mit dem Leben und mit der Politik zu tun haben.
Seit den frühen 70er Jahren schon spielt das KIND eine Hauptrolle in Helnweins Kunst; das geschundene, verletzte, bedrängte Kind in unserer Gesellschaft. Es sind die Narben und Verbände, die medizinischen Instrumente, die Schläuche und die Annäherungen der Erwachsenen, die die Kinder seiner Bilder deformieren. Sie fügen ihnen sichtbaren Schaden zu; von den "inneren Verletzungen" ganz zu schweigen.

Daß für viele dieser Bilder auch konkrete Ereignisse der Zeitgeschichte auslösend wirkten, erzählt Gottfried Helnwein und nennt sogleich einige Beispiele. Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit nimmt in seinem Werk eine Schlüsselrolle ein. Kollektive Verdrängung und einmütige Vertuschung sind, so erfuhr der Künstler immer wieder am eigenen Leib, noch längst keine Geschichte.
Es ist die Fotografie, mit der Helnwein in letzter Zeit vor allem arbeitet. Die Aura des Authentischen und Objektiven, die diesem Medium anhaftet, macht er sich dabei zunutze. Die Person des Künstlers tritt stärker in den Hintergrund.

1988 wurde in Köln, zwischen Bahnhof und Museum Ludwig, die große Bilderstraße NEUNTER NOVEMBER NACHT installiert. 4 Meter hoch und 100 Meter lang reihen sich die Fotos der Kindergesichter aneinander. Der Bezug zur Reichskristallnacht, dem Beginn des Holocaust am 9. November 1938, wird hergestellt, allein durch die Beischrift SELEKTION und durch die Gedanken, die sich zu machen der Betrachter quasi gezwungen wird.

Anscheinend hat die Bilderreihe in Köln, die 1990 auch in Lausanne zu sehen war und die demnächst nach Los Angeles gehen wird, in ihrer indirekten Anklage doch sehr direkt gewirkt. Bilder wurden aufgeschlitzt und zerrissen. An den Hälsen und in den Gesichtern sind die Schnitte als Zeugnisse der Aggression deutlich sichtbar. Für die Folge-Ausstellungen wurden die beschädigten Bilder notdürftig mit Pflastern repariert, die Wunden sind noch zu sehen. Nicht Vandalismus, sondern deutliche Äußerungen neonazistischer Gegenwart.

Für den Künstler eine (unerwartete) Bestätigung mit sehr bitterem Beigeschmack: Das Kunstwerk aber sei durch diese sichtbare Reaktion besser geworden. Man geht eigentlich immer davon aus, sagt Gottfried Helnwein, die engagierte Kunst müsse übertreiben, mit besonderem Nachdruck ihr Anliegen vortragen. Und so erschreckt dann um so mehr die Erkenntnis, daß die Realität der Kunst in nichts nachsteht. Im Gegenteil.

Als er in Köln gerade damit beschäftigt war, die Arbeiten aufzuhängen, berichtet Helnwein, kam ein Anthropologe des Weges. Er fragte, was dies zu bedeuten habe. Die Erklärung, es handle sich um eine künstlerische Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Rassenideologie und deren Folge, der Euthanasie, erstaunte ihn einigermaßen. Seine eigene wissenschaftliche Tätigkeit, so der Mann, läge auch auf diesem Gebiet. Er und seine Kollegen hätten nämlich erforscht, daß die Bushmen, eine schwarzafrikanische Population, eigentlich eher zu den Tieren als zu der menschlichen Rasse gehörten, denn, lautete die Begründung, sie hätten nur eine Niere. So der Anthropologe aus Südafrika. 1988!

Wirklichkeiten wie diese sind es, die den Bilder-Kämpfer Helnwein zu künstlerischem Einspruch provozieren. Das Kind, so formuliert er selbst, symbolisiere in seinem Werk alle Opfer, es stehe für die Gefährdung des Menschen schlechthin. Aber nicht nur der Künstler, auch der Familienvater Gottfried Helnwein lebt nach dem Grundsatz, Kinder wie alle Menschen als selbständige Individuen zu achten. Gestalt geworden in der Kunst ist freilich vor allem das Leid.

Die Bilder erzählen vom Leben der Kinder, von ihren Ängsten und Hoffnungen, von erlittenem und noch zu erleidendem Schmerz. Die weiße Schminke auf den kleinen Gesichtern der großen Fotos erinnert an den Tod ebenso wie an Maskenspiel. Das Spektrum kindlichen Lebens wird in ernster Haltung vorgetragen. Die Kinder scheinen sich ihrer Lage durchaus bewußt zu sein. So werden Sie zu Sinnbildern menschlicher Pein.
Nachprüfbar in der Ausstellung mit dem Titel "Kindskopf", die 1991 in der ehemaligen Minoritenkirche in Krems, heute das Niederösterreichische Landesmuseum, ausgerichtet wurde. Eine einzige Fotografie eines Kindergesichts, in den Maßen 4x6 Meter, hing im ehemaligen Chor - an der Stelle des Kruzifixes. Die in den geschlossenen Augen angedeutete Haltung des stillen Duldens ist ein direkter Hinweis auf den Opfertod Christi. Jedoch weniger der religiöse Appell als vielmehr die Verschränkung von Kunst und Leben macht diese Präsentation zu einem Ereignis. An den Pfeilern und Wänden des Langhauses sah der Besucher ebenfalls Kinderbilder - in diesem Fall waren es von Kindern gemalte Bilder: Ali und Amadeus Helnwein heißen die Künstler.

Nicht nur als Gegenstand seiner eigenen Arbeiten sind Kinder also das Thema Gottfried Helnweins. Sie kommen selbst zu Wort: als solle damit gesagt werden, daß die Kinder die wirklichen Zeugen des eigenen Lebens und Leidens sind.