BEAUTIFUL CHILDREN
Steffen Runkel
Avalist
Universität Hannover - Historisches Seminar, Philosophische Fakultät
Juni 2005

Gottfried Helnwein im Wilhelm-Busch Museum. "Beautiful Children“ ist die Ausstellung überschrieben, die Werke und Photographien des gebürtigen Österreichers Gottfried Helnwein bis zum 12. Juni 2005 im Wilhelm Busch Museum Hannover zeigte. Und von vorneherein drängt sich die Frage auf, ob dieser Ort, idyllisch inmitten des Georgengartens gelegen, der richtige Ort sei für den Meister des Überdimensionalen, der großen Installationen. Doch bereits der Blick in den ersten Ausstellungsraum nimmt diese Befürchtung. Es müssen nicht die ganz großen Dimensionen sein, die in ihren Bann ziehen, es ist die Macht der Mischtechnik auf Leinwand, die unabhängig von ihrer Größe fesselt und fasziniert. Zu Beginn das größte Werk der Ausstellung, 2x4 Meter, ein Mädchengesicht mit geschlossenen Augen: „Beautiful Children“. Der Titel der Ausstellung wird zum Programm. Gegenüber das wohl schönste Werk, der Kuss zweier Nymphen. Nicht lasziv oder aufreizend, sinnlich eher, tastend. Die ungetrübte Unschuld des Kindes, seine Unbeschwertheit und Freiheit hat Helnwein wohl nie besser dargestellt als in diesen beiden Werken.

Dazwischen, verbindend wie trennend, zwei langgezogene „irische Landschaften“, die jetzige Heimat des gebürtigen Österreichers. Beruhigend könnten sie wirken, die Sanftheit der Kinder fortführen in die Weite der Welt. Doch Helnweins Welt ist grausam, kein Frieden bleibt ungetrübt. Düsterer Wald, Gewitter zieht auf, Vorboten die das Kommende ankündigen; doch noch wird es von der Unschuld der Kinder, ihrer schieren Größe zurückgehalten. So verlässt man den ersten Saal, mit gemischten Empfindungen.

Der zweite Raum überrascht gleich beim Eintreten: Es sind die Widersprüche, die hier ungebremst auf den Betrachter zustürzen. Neun große Bilder, größtenteils digitale Fotografien, daneben aber, gleich am Eingang, fünf kleine Porträts, Aquarelle, Bleistiftzeichnungen, gerahmte Stücke aus der Frühphase Helnweins. Sie irritieren das Auge, weil sie so verschieden sind, sich dem Duktus, dem Rhythmus der großen Bilder widersetzen, ihn unterbrechen. Sie verstören, weil das Kind hier nicht mehr das Schöne ist, das Reine. Hier wird es zum Opfer der Umwelt, die Gesichtszüge sind deformiert, entstellt, verbunden und verstümmelt.

Helnwein spielt mit den Gegensätzen, er reizt sie grausam aus. „Sleeping Angel“, zwei große Kinderköpfe, Babys mit deformierten, aufgedunsenen Gesichtern. Das Kind, nicht mehr schön, nur noch verstörend, abstoßend. Und Helnwein provoziert. Die Pieta, nicht Mutter und Kind im Schmerz vereint, sondern zwei Männer. Das Motiv des Kindes sinnentfremdet, entleert. Auch hier eine Entstellung? Dieser Saal ist zweigeteilt, nicht nur durch den Bruch in der Decke, der kaum auffällt, aber den Wunsch erwachen lässt, die Bilder in einer weiträumigeren Umgebung sehen zu können. Denn ihre Größe schreit geradezu nach Höhe, Raum und Platz, um ihre volle Wirkung entfalten zu können. Aber auch die Motive ändern sich in der Mitte des Raumes, während die Provokation weitergeht. Und wieder ist er da, der Widerspruch, der geradezu zum Leitmotiv der Ausstellung und dieses Künstlers geworden ist.

Verbindendes und Trennendes, nie lag es bei einem Künstler näher zusammen als bei Helnwein. Wieder sind es die Kinder, die im Mittelpunkt der Werke stehen. Nun wieder in aller Sanftheit und Ruhe. DieUmgebung ist es diesmal, die den Widerspruch bildet, ihn herausfordert, zum Skandal beiträgt. Liegende, schlafende Kinder: gekleidet in Naziuniformen. Ein Kind auf einem Tisch: umgeben von Männern deren Gesichter von Beulen und Quetschungen entstellt sind, Qual und Schmerz ausdrücken.

Eine Mutter, die ihr Baby in den Armen hält: um sie stehen SS-Offiziere. Und immer wieder die verhüllten Köpfe, wie zum Schutz vor der Schlechtheit der Welt. Und doch sind es hier wieder die Kinder, die in ihrer Unschuld und Ruhe das Böse und Aussätzige der Bilder in den Hintergrund treten lassen und vor allem eines ausstrahlen: Reinheit, Wärme und Erhabenheit.

Die Ausstellung findet nun ihre Fortsetzung eine Etage höher und es bedarf schon einiger Phantasie, um hier weiterhin die Beautiful Children erkennen zu können. Die Treppe geleitet den Besucher an einer Donald Duck Collage hinauf, die mit ihren schwarzen bedeutungsvollen Augen einen besseren Platz als zwischen Aufgang und Toiletteneingang verdient hätte. Hier ist sie kaum zu erkennen. Dafür erwarten im dritten Saal eine Sammlung von neun Porträts den Kunstverständigen, die Micky Maus und menschliche Porträt-Doubles derselben zum Thema haben. Doch wo bleibt hier der Widerpart des Hässlichen, Verstörenden, der eben noch für Hoffnung sorgte? Hier fehlt er ganz, Helnweins Welt ist doch eine grausame. Allein fünf der Porträts zeigen Marilyn Manson, zur Micky Mouse geschminkt, mit verzweifelndem Blick oder aggressiv. Daneben zwei Selbstporträts Helnweins, auch hier verbundene Augen, medizinische Geräte im Mund. Es fällt schwer, diesen Bildern Ästhetik, Anmut oder auch nur Sinn abzugewinnen, zumal die Komposition der Bilder an dieser Stelle der Ausstellung ein gar zu großes farbliches Durcheinander aufweist. Hier überwiegt Verstörung, die keine Auflösung findet und dem kreisrunden Durchbruch, nun im Fußboden, Sinn als Fluchtpunkt gibt. Ist es wieder Provokation, die aus der Kinderfigur Micky die Fratze des Bösen werden lässt?

Es folgen zwölf kleinformatige Fotografien von Leni Riefenstahl bis Pablo Picasso. Sie zeigen Gesichter, die vom Zerfall gezeichnet sind, die mumienhaft und wie tot in die Kamera gucken. Das unausweichliche Ende der schönen Kinder? Gegenüber noch sieben Bilder, die Serie „Fire“. Sie sind dunkel, diese Porträts, auch aus direkter Nähe kann man auf ihnen kaum Umrisse erkennen. Das Ende?

Man verlässt die Ausstellung über eine Brücke, die parallel zum großen Eingangsbild verläuft. Und man sieht sie so noch einmal, die ungetrübte Unschuld und Leichtigkeit des Kindes. Wahrhaft Beautiful Children, diesmal ohne jeden Missklang. Friede und Ruhe nach der Verstimmung, das ist es letztendlich, was bleibt. Knappe 50 Bilder umfasste die Helnwein Ausstellung in Hannover. Und wer sich jetzt ärgert, sie verpasst zu haben, der hat noch bis zum 2. Oktober 2005 die Gelegenheit, dieses Versäumnis in der Ludwig Galerie Schloss Oberhausen nachzuholen.