HELNWEIN BLICKT IN DIE ABGRÜNDE DES MENSCHEN
Stefanie Stadel
Welt am Sonntag
18. June 2005

Sie schlafen, richten ihren Blick zu Boden oder schauen ins Leere, mit Tränen in den Augen. Einige sind verkrüppelt, vernarbt, mißhandelt. Andere tragen Mullbinden um Hände und Stirn oder Kanülen im Kopf. Gottfried Helnweins Kinder haben nichts zu lachen. Dennoch huscht hier und da ein freches Grinsen über ihr Gesicht. Wie bei dem 1972 gezeichneten Mädchen mit dem zerfetzten Mundwinkel. Kinder - bedrohte und verwundete, traurige oder gequälte - durchziehen Helnweins Schaffen seit über 30 Jahren.

"Die Leute waren von meinen Bildern schockiert", sagte er über seine Anfänge.
Heute ist der Künstler 56 Jahre alt, leistet sich ein Atelier in Los Angeles und ein Schloß im Süden Irlands.

Nach Auftritten in aller Welt ist Helnwein nun auf Ausstellungstour in Deutschland mit seinen Zeichnungen und Aquarellen, mit den hyperrealistischen Grusel-Gemälden, den porentiefen Prominentenporträts, mit digitalen Riesenfotos aus jüngerer Zeit und mit Proben seiner vieldiskutierten Arbeit als Bühnenbildner. Jetzt gastiert die Schau verändert und erweitert in der Ludwig-Galerie Schloß Oberhausen.

"Beautiful Children", so ihr Titel. "Schöne Kinder" - der Skandal-Künstler aus Österreich malt und fotografiert sie oft in Serien. Totgeburten sind darunter und engelsgleiche Geschöpfe, die in alptraumähnlichen Szenarien gefangen scheinen. Wie jenes kleine, weißgekleidete Mädchen, das umringt ist von schrecklich entstellten Kriegsveteranen oder der nackte Baby-Junge mit seiner marienhaften Mutter, inspiziert durch gestriegelte SS-Männer. Das Kind, so Helnwein, symbolisiere in seinem Werk alle Opfer.

Mit seinen Schauervisionen will der Künstler berühren, aufrütteln - und zwar möglichst viele Menschen. Der Schriftsteller Heiner Müller, für dessen Theaterstück "Hamletmaschine" Helnwein vor einigen Jahren das Bühnenbild entwarf, stellte sich einst die Frage: "Wie hält ein freundlicher Mensch wie Gottfried Helnwein es aus, seine - exzellente - Malerei zum Spiegel der Schrecken des Jahrhunderts zu machen?" Und Müller überlegte weiter: "Oder hält Helnwein es einfach nicht aus, das nicht zu tun?"

Damit könnte er richtig liegen. Um so mehr überraschen zwei der jüngsten Werke in der Schau: Irische Landschaftspanoramen, fünf Meter lang, nichts als Bäume, Wiesen, Wolken, Schafe. Doch spiegeln diese Bilder wohl nur die Ruhe vor dem Sturm.

-Ludwig-Galerie, bis 3.Oktober. Tel.: 02 08 / 4 12 49 28