13. February 1983
Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt
Erika Brenken

EIN AUFSCHREI GEGEN DIE SCHMERZEN DER WELT
Die Kunst von Gottfried Helnwein - Erfolg und Kritik

Die Provokationen des 34jährigen Künstlers sind subversiv und klammheimlich. Sie packen den entsetzten Betrachter eben da an, wo die antrainierten Verdrängungsmechanismen sonst so gut funktionieren. Das wird am deutlichsten bei Helnweins Kinderbildern. Zarte pastellfarbene Zeichnungen, die zum Horrortrip für den Betrachter werden. Die sanften Kindergesichter sind durch Verletzungen furchtbar entstellt. Hasenscharten, Narben, Wundmale, Klammern, Kanülen, Bandagen. Der Anblick ist kaum auszuhalten. Aber was bedeutet das schon gegen die täglich von vielen tausend Kindern erlittenen Schmerzen, Qualen und Folterungen?

Ein künstlerischer Aufschrei gegen die Schmerzen der Welt.

Helnwein denunziert nicht die Kinder - das häufigste Missverständnis, mit dem man sich gegen seine Kunst wehrt - sondern unsere Neigung, vor dem Leiden die Augen zu verschliessen.

 


"Roter Mund" (Detail), 1978
watercolor on cardboard

Der Künstler entlarvt das Bedürfnis nach heiler Welt (oft nur eine Form von Abgestumpftheit) als unmoralisch, als Angst vor der Realität.
Ein Moralist mit sadistischen Mitteln.

Ein Aufschrei gegen die Schmerzen der Welt. Seine Skandale haben auch immer seinen Ruhm vermehrt. Der Wiener Künstler Gottfried Helnwein, zur Zeit wieder mit einer Ausstellung und einem Buch zwischen die Fronten geraten, schafft Freund und Feind, daß dagegen ein Joseph Beuys, an dessen Kunst sich die Emotionen auch nicht wenig aufladen, vor Neid erblassen müßte. Helnwein erzählt gerne, daß einmal ein Gegner seiner makabren Kunst mit dem Messer auf ihn losging. Genauso gern wrid in den Helnwein-Büchern aber auch ein Satz seines Freundes Wolfgang Bauer zitiert: "Das ist Kunst für die Ewigkeit."

Berühmt-berüchtigt wurde im vergangenen Jahr sein Cover zu der Schallplatte "Blackout" von den "Skorpions" . Ein bandagierter Männerkopf , die Augen schrecklich von Operationsklammern verklemmt. Der Mund des Mannes aufgerissen zu einem wahnsinnigen Schrei. Ein Schrei, der Glas zerspringen läßt. Denn um das enstellte Gesicht fliegen spitze Scherben. Die erschreckende Power dieser Darstellung ist eine Zumutung. Und genau das will sie sein. "Malerei muß sein we Rock-musik". Die Provokationen des 34jährigen Künstlers sind subversiv und klammheimlich.

Sie packen den entsetzten Betrachter eben da an, wo die antrainierten Verdrängungsmechanismen sonst so gut funktionieren.
Das wird am deutlichsten bei Helnweins Kinderbildern. Zarte pastellfarbene Zeichnungen, die zum Horrortrip für den Betrachter werden. Die sanften Kindergesichter sind durch Verletzungen furchtbar entstellt. Hasenscharten, Narben, Wundmale, Klammern, Kanülen, Bandagen.
Der Anblick ist kaum auszuhalten. Aber was bedeutet das schon gegen die täglich von vielen tausend Kindern erlittenen Schmerzen, Qualen und Folterungen?


http://www.helnwein.com/texte/international_texts/artikel_248.html